Zu dreieinhalbt auf den Kleinen Königsstuhl - outdoor now
Wanderung mit Familie

Zu dreieinhalbt auf den Kleinen Königsstuhl

Berge sind für Kinder ein großartiges Erlebnis, wandern für Schwangere gesund und bekömmlich, wenn es in Maßen betrieben wird. Doch reichen diese Voraussetzungen aus, um mit unserer bald größer werdenden Kleinfamilie nach einer richtigen alpinen Tour einen Gipfelsieg zu feiern? Die Antwort darauf erhoffe ich mir beim Sommerurlaub im Lungau. Dies ist die südlichste Region des österreichischen Bundeslandes Salzburg. Bei der Recherche im Vorfeld war klar, dass man genau abwägen sollte, welche Tour Sinn macht. Ein „ehrlicher“ Gipfel muss für uns ohne Bergbahnen erreicht werden. Wir lassen es aber gelten, mit dem Auto so hoch wie möglich zu fahren. Die Wanderstrecke sollte für unseren bald dreijährigen Sohn angemessen sein. Einerseits ist er zu groß, um nur in der Kraxe zu sitzen, anderseits noch zu klein, um viele Höhenmeter oder große Distanzen zu bewältigen. Und ich muss zugeben, dass ich ihn zwar gerne trage, in diesem Sommer aber seine fast 15 Kilo überdeutlich merke. Schließlich sitzt er und damit sein Gewicht mir fast im Nacken und damit viel höher als ein normaler Wanderrucksack. Bei den Planungen ist praktisch, dass für meine schwangere Frau sehr ähnliche Aspekte zu beachten sind wie für unseren Sohn. Sie sucht zwar aktive Erholung, soll und will sich aber letztlich nicht zu sehr quälen.

So fiel die Wahl auf den Kleinen Königsstuhl. Im malerischen Ort Ramingsstein verlässt man die Landstraße und gewinnt auf rund neun Kilometern Wegstrecke um die 900 Höhenmeter. Da die Straße gut ausgebaut ist, macht das Fahren keine Probleme. Startpunkt der Wanderung ist die Karneralm, die mit 1895 Metern schon eine sportliche Höhe hat. Die Karneralm ist ein ehemaliges Skigebiet mit Ferienhäusern, die nach dem Rückbau der Liftanlagen jetzt im Sommer vollkommen verwaist wirken. Ein Gasthof scheint seine Pforten schon lange nicht mehr geöffnet zu haben. Erst nach und nach entdecken wir, dass wir nicht in einer Geisterstadt sind. Der ein oder andere Schornstein raucht und Fahrzeuge parken auf eingezäunten Grundstücken, um sie vor Kühen zu schützen. Auf dem öffentlichen Parkplatz steht nur ein Auto als wir ankommen, so dass wir eine ruhige Tour erwarten. Nach meiner Recherche haben wir uns auf 1,5 Stunden Wanderung eingestellt, das erste Schild direkt am Ausgangspunkt lockt aber mit nur einer Stunde bis zum Ziel. Vor dem Abmarsch bestaunt unser Sohn noch das Wasser, das den Hang hinunter in einen großen Gully sprudelt und klettert auf einen kleinen Felsen. 

Zum Wandern hat er erstmal keine Lust, deshalb setzen wir ihn in die Kraxe. An Sonnenschutz für ihn haben wir schon vor unserer Abfahrt gedacht und mit 50er Schutzfaktor eingecremt. Wir laufen an einer wunderschönen kleinen Kapelle vorbei hinein in die Ferienalm-Siedlung …und stehen schon bald in einer Sackgasse. Sollten wir uns bei unserer Familientour tatsächlich nach wenigen Metern verlaufen haben? Hat etwa in diesem ruhigen Örtchen jemand einen Wegweiser entfernt? Wir fragen einen Mann und tatsächlich: an der einzigen Abzweigung sind wir falsch gegangen. Wir laufen zurück und sehen– jetzt wo wir den Weg kennen – verdeckt hinter Astwerk das Hinweisschild zum Kleinen Königsstuhl. Grundsätzlich war der kleine Umweg kein Problem, wir sind jedoch von vornherein etwas später als geplant aufgebrochen und für den nicht näher definierten Nachmittag sind Gewitter gemeldet. Also wollen wir nicht noch mehr Zeit verlieren und gehen zügig. Ein kurzes Stück führt über eine Forststraße, die aber so stark bewachsen ist, dass sie sich angenehm bewandern lässt. Die nächste wichtige Markierung ist selbst für uns nicht zu übersehen. Wir folgen einem großen roten Pfeil hangaufwärts. 

Ab hier soll unser Sohn wandern und nach einiger Anlaufzeit tut er das tatsächlich. Zwar läuft er relativ gleichmäßig durch den lichten Wald, doch oft bleibt er stehen, um sich eine Ameisenstraße anzuschauen, einen interessanten Stein aufzuheben oder nach den rot-weißen Markierungen Ausschau zu halten. Obwohl der Weg leicht und ohne Gefahr ist, müssen wir hin und wieder über eine Stufe im Gelände helfen. Das dauert alles seine Zeit. Erst recht als der Weg noch etwas steiler wird und durch immer niedrigere Vegetation führt. Hier regt sich auch der Wunsch, wieder in die Kraxe zu steigen. Wir müssen nicht um jeden seiner Schritte kämpfen, doch jetzt sind kleine Motivationsspritzen gefragt: „Wo ist die nächste Markierung? Bis dahin schaffst du es noch!“ Nach einer markanten Zirbe, stehen wir im flachen Almgelände. Zeit zum Durchatmen, Zeit für das Kind, wieder Neues in der Natur zu entdecken. Zum Beispiel einen Tümpel mit Molchen. Doch das entspannte Wandern ist nur von kurzer Dauer und es geht bald wieder zünftig aufwärts im steinig grasigen Gelände. Das ist anstrengend für die Kinder und Schwangeren unter uns. Ohne meinen Sohn auf dem Rücken kann ich am leichtesten laufen. 

Wie schon bei anderen Gelegenheiten merken wir, dass die Wanderleistung unseres Kindes das Ergebnis von vielen Faktoren ist. Aspekte, die für uns eine Rolle spielen, sind ihm oft egal. Bloß weil wir den Weg schön finden, heißt das noch lange nicht, dass er ihn gerne läuft. Andererseits sind wir überrascht, denn wir hätten nie gedacht, dass beispielsweise die Suche nach den Markierungen für fast 200 Höhenmeter Motivation sorgt. Wenn er flott am Stück geht, hat er manchmal eigene Ziele. Dann trägt er ausdauernd Grashalme, die er vorher gepflückt hat, und sucht Tiere, um sie damit zu füttern. Wenn man Zeit hat und er sein eigenes Tempo mit vielen Pausen finden kann, macht das großen Spaß. Es ist jedoch ein schmaler Grat, denn wenn die Stimmung nicht so toll ist und zum Beispiel der Wind ärgert, dann ist die Versuchung sehr groß, aufzugeben und sich tragen zu lassen. 

Heute haben wir in dieser Hinsicht einen mittelmäßigen Tag erwischt, entsprechend kommt die Kraxe beim nächsten steileren Stück wieder zum Einsatz. Und das hat es in sich. Ich mit 15 Kilo Lebendgewicht auf dem Rücken und vor allem meine schwangere Frau haben ganz schön zu tun, um die letzten drei Steilstufen zu überwinden. Das Gelände bietet hier wenig Abwechslung und der Zaun, der zwei Weidegebiete voneinander abtrennt und den Weg lange begleitet, schränkt das erhoffte hochalpine Gefühl etwas ein. Ein direkt neben dem Weg entlang hüpfender Frosch sorgt noch einmal für Freude bei allen Wanderern. Mein Sohn in der Kraxe macht weiter mit einem Spiel, das er heute entdeckt hat: Papas Mütze bearbeiten. Das heißt daran ziehen und zerren, Gräser drunter stecken und mit dem Verschluss experimentieren. Da auch das ein oder andere Kopfhaar von mir mitmachen darf, ist es eine schmerzhafte Angelegenheit. Insofern bin auch ich froh, dass nach einer Kuppe der Blick auf den felsigen Gipfelaufbau frei wird. Die letzten Schritte geht unser Sohn wieder selbst, denn mit knapp unter einem Meter Körpergröße bieten die Felsen vor dem Gipfelkreuz für ihn spaßige Klettereinlagen. Nach fast zwei Stunden sind wir oben, haben also fast doppelt so lang gebraucht, wie auf dem Schild unten angekündigt. Leider währt das Gipfelglück nur kurz, da Myriaden von undefinierbaren Fliegen schon vor uns am Gipfel waren und sehr erfreut über unsere Anwesenheit sind. Uns stört dieses zu viel an Nähe, meine Frau ergreift sofort die Flucht. Mein Sohn und ich machen noch ein Gipfelfoto, tragen uns ins Gipfelbuch ein und holen einen Stempel. Für mich ein liebgewonnenes Ritual, von dem mich auch die Insekten nicht abhalten sollen. Wir klettern noch ein bisschen am Gipfelaufbau herum, ehe wir uns alle zusammen deutlich unterhalb des Kreuzes – fast ohne Fliegen – zur Mittagsrast niederlassen. Mit Aussicht von den ersten Gletschern der Hohen Tauern bis zu den Radstädter und Schladminger Tauern lassen wir es uns schmecken. Unser Kind is(s)t zum Glück sehr pflegeleicht, er verzehrt ein Käsebrot und nascht etwas Obst. Extra Motivationsessen müssen wir nicht mitführen und ich verzichte auf meine eigentlich obligatorische Gipfelschokolade – man will ja in Sachen gesunde Ernährung Vorbild sein. 

Während unserer Rast ziehen sich die Wolken zusammen, es sieht zwar nicht akut nach Gewitter aus, aber wir wollen auf Nummer sicher gehen und steigen ab. Unser Sohn läuft ein Stückchen abwärts. Eigentlich ist dies seine Spezialität, aber um 12.45 Uhr verlassen ihn die Kräfte und er macht Mittagschlaf in der Kraxe. Ich versuche möglichst sanft zu gehen, da er bei seiner Größe ohnehin nicht besonders bequem im Tragegestell sitzt. Obwohl ich mir alle Mühe gebe, schläft der Sohn auf meinem Rücken schlecht. Ein Riemen des Sonnendaches stört, das Licht scheint ungünstig und er hält sich die Augen zu. Schon nach 30 Minuten ist er wieder wach. Insgesamt brauchen wir nur 45 Minuten für den Abstieg. Da der Regen weiter auf sich warten lässt, können wir uns noch mal in Ruhe das sprudelnde Wasser am Parkplatz anschauen.

Alles im allem war die Wanderung der erhoffte „echte“ Gipfelsieg. Es ist möglich, auch mit schwangeren Frauen und fast dreijährigen Kindern eine alpine Wanderung in abwechslungsreichem Gelände zu machen. Dafür sollten aber die Bedingungen stimmen. Das Wetter muss mitspielen, man muss früh aufbrechen und viel Zeit einplanen, deutlich mehr als in den Wanderführern angegeben. Die Tagesform des Kindes spielt in diesem Alter eine große Rolle und Bedürfnisse des Nachwuchses können jederzeit zur Pause zwingen. Bei Hunger oder Durst kann man die Kleinen schwer auf irgendwelche für sie kaum greifbaren Ziele vertrösten. Kümmert man sich als besorgte Eltern nur um das Kind, kann es kommt es vorkommen, dass man zwar den Nachwuchs brav mit Lichtschutzfaktor 50 eincremt, selbst aber mit Sonnenbrand nachhause kommt, weil man sich selbst im Trubel vergessen hat. Aber alle diese Mühen sind es wert, wenn man als bald größer werdende Familie Zeit miteinander am Berg hat und man die kindliche Freude über spektakuläre Entdeckungen teilen kann, wenn es mit aufgeregter Stimme von hinten aus der Kraxe kräht: „Mama, Papa, ich habe eine Kuh gesehen!“

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